Stoffpuppen vom Nikolaus
Weihnachtsschmuck und Kunsthandwerk im Heimatmuseum – Geschichtsverein sucht neue Mitglieder
Von der Weihnachtskrippe bis zur selbst bestickten Karten: Mehrere 100 Besucher kamen zum Nikolausmarkt ins Heimatmuseum.
Von Dieter Becker
Seulberg.
Die beiden Gründermütter des Seulberger Nikolausmarktes Ute Desch (links) und Reinhild Massey mit Weihnachtsmann André Niemann. Der Nikolausmarkt rund um das Seulberger Heimatmuseum zählt seit Jahren zu den schönsten Höhepunkten in der weihnachtlich gestimmten Hugenottenstadt. Gründe dafür sind unter anderem das gemütliche Ambiente und die Auswahl an ebenso hochwertigem wie originellem Kunsthandwerk.
Der Seulberger Nikolausmarkt lockte am Sonntag viele 100 Besucher aus Friedrichsdorf und Umgebung ins Heimatmuseum. Und zwar bereits zum 27. Mal, wie die beiden "Gründermütter" Ute Desch und Reinhild Massey stolz berichteten.
"Im Jahr 1986 entstand er aus einem spontanen Einfall – im Hinterhof des Museums und bei fürchterlichem Eisregen", erinnerte sich die Kunstmalerin Massey aus Rodgau, die seitdem als Ausstellerin dabei ist. Trotz der "verhagelten" Premiere wuchs der Markt von Jahr zu Jahr, bis er schließlich auch den hintersten Winkel des dreigeschossigen Heimatmuseums erreichte – und mittlerweile sogar den Platz vor dem ehemaligen Schul- und Rathaus in der Straße "Alt Seulberg" für sich beansprucht.
Leckere Marmelade
An ihrem Erfolgsrezept indes haben die beiden "Markt-Managerinnen" bis heute nichts verändert. Und so lebt der Nikolausmarkt nach wie vor von seinem einzigartigen Charme in gemütlich-musealer Umgebung. Wie viel Liebe und Herzblut die Aussteller in ihre kleinen Kostbarkeiten gesteckt haben, konnten die Besucher gleich draußen an den Ständen von Mechtild Brück und Michael Euler sehen. Während die vierfache Mutter aus Langen mit originellen Handspielpuppen und Plüschtieren für leuchtende Kinderaugen sorgte, machte der Bad Homburger Hobby-Marktbeschicker mit seinen ungewöhnlichen Marmeladekreationen – zum Beispiel Apfelkonfitüre mit Rumrosinen – Lust auf hemmungslosen Genuss. "Stitching Cards" – oder einfacher: handbestickte Grußkarten – bot die Friedrichsdorferin Hanna Sikorski feil. "Damit vertreibe ich mir die langen Winterabende", erklärte sie und zeigte den Besuchern, wie leicht es ist, mit Nadel und Faden Blumen- und Tiermotive auf Karton zu zaubern. Natürlich gab es auch Papp-Döschen in allen Größen und Ausführungen, denn schließlich müssen die weihnachtlichen Gaben nach den Festtagen auch irgendwo verstaut werden.
Besonders dekorativ: Monika Webers handbemalte Behältnisse mit der weltberühmten "Struwwelpeter"-Zeichnung sowie Reinhild Masseys Harlekin- und Feen-Motive. Eher handfest ging es in der Werkstatt des Schmittener Bildhauers Matthias Schmidt zu, der mit seinen geschnitzten Weihnachtskrippen und dem zierlichen hölzernen Baumschmuck punktete. Auch Maxie Krebs-Randolf beeindruckte mit ihrer Hände Arbeit. Jedenfalls zum Teil, denn um einfache Papiertücher in "Servietten Deluxe" mit Prägemustern zu verwandeln, benötigte sie ihre Prägemaschine.
Auch an die kleinen Besucher hatte der Museumsverein gedacht, und so lockte der "Wir basteln uns einen Lebkuchen"-Workshop. Dort durften die Kids nach Herzenslust drauflos kleckern und fertige Lebkuchen-Rohlinge mit knallbuntem Zuckerguss und Schoko-Linsen verzieren. Dazu spielte das Ensemble "Junges Blech" und es gab eine mittelalterliche Tanzeinlage des Vereins "Stante Pede".
Übrigens: Der "Verein für Geschichte und Heimatkunde" (auch "Museumsverein" genannt) sucht ständig neue Mitglieder und geneigte Förderer. Info unter http://www.heimatmuseum-seulberg.de
Taunus Zeitung 03.12.2012
Helfer und Sänger dringend gesucht
Ute Desch hat ihre Liebe zum Heimatmuseum ihren Eltern zu verdanken. Und Wolfgang Eilbacher singt mit Begeisterung den zweiten Bass.
Friedrichsdorf.
Sie hat schon unzählige Nikolaus-, Oster- und Weihnachtsmärkte im Seulberger Heimatmuseum organisiert. Er ist seit 1973 Vorsitzender der Sängervereinigung Burgholzhausen. Ute Desch (70) und Wolfgang Eilbacher (69) haben für ihr langjähriges ehrenamtliches Engagement die Ehrenmedaille der Stadt Friedrichsdorf erhalten. Beide sind zudem Träger des Ehrenbriefs des Landes Hessen.
Seit 1972 arbeitet Ute Desch im Heimatmuseum mit. Eine Familiensache ist das, denn die heutige stellvertretende Vorsitzende des Seulberger Heimat- und Geschichtsvereins ist die Tochter des Gründungsmitglieds Wilhelm Jeckel. Inzwischen wohnt sie in Darmstadt, was für ihr Seulberger Engagement immer Fahrtzeit bedeutet.
Halbtagskraft benötigt
Aber das ist nicht das Schlimmste: Wie berichtet fehlt es dem Verein an Nachwuchs. Dringend benötigt würde zudem eine feste Halbtagskraft. Denn die viele Arbeit wächst den Ehrenamtlichen Kräften, die noch dazu inzwischen nicht mehr die Jüngsten sind, über den Kopf. Der diesjährige Aulofenmarkt musste deshalb schon ausfallen. Und die Wechselausstellungen (derzeit geht es um die Hugenotten) sind auch schon von vier bis für pro Jahr auf drei reduziert worden. "Wir brauchen die Unterstützung der Stadt" sagte Desch deshalb dem Bürgermeister, als er ihr die Ehrenmedaillen-Anstecknadel ans Revers heftete. Vor allem für die museumspädagogische Arbeit und die Organisation der Ausstellung werde eine feste Kraft gebraucht. Zudem wünscht sich Desch Entlastung bei der Organisation der Märkte, dafür werden Ehrenamtliche gesucht. Was die Arbeit selbst betrifft: "Die Freude am gemeinsamen Erarbeiten von Themen ist da, und wir haben immer neue Ideen." Derzeit suche das Heimatmuseum zur Vervollständigung seiner Sammlung vor allem Objekte aus den 1970er-Jahren. Aber auch Sachen aus den 1950er- und 1960er-Jahren würden gern angenommen. Ihre liebsten Objekte im Museum? "Das sind die alten Puppenstuben und die Porzellan-Sammlung", verrät sie.
Das Lieblingslied von Wolfgang Eilbacher ist "Heaven Is A Wonderful Place". 1960 war er Gründungsmitglied der Sängervereinigung Burgholzhausen, die immerhin derzeit 130 Mitglieder zählt, 30 von ihnen sind aktive Sänger. Seit 1973 ist Eilbacher Vorsitzender des Vereins, dessen Wahlspruch lautet: "Wo man singt, da lass’ dich ruhig nieder. Schlechte Menschen haben keine Lieder." Und wenn dringend neue Sänger für den Männerchor gebraucht werden, dann lässt Eilbacher auch schonmal in ganz Burgholzhausen gelbe Plakate aufhängen: "Mann braucht Dich", stand da unter anderem zu lesen. Zudem war er Vereinsringsvorsitzender und hat den (inzwischen nicht mehr existierenden) Burgholzhäuser Dorfspaß mitbegründet.
Seine Stimmlage ist zweiter Bass. Derzeit laufen die Vorbereitungen für die Weihnachtszeit. Diesmal tritt die Sängervereinigung nur in den beiden Altenheimen und auf dem Weihnachtsmarkt auf. Nächstes Jahr soll dann wieder ein großes Weihnachtskonzert in der evangelischen Kirche folgen. Für seinen Verein wünscht er sich noch neue Sänger.
Taunuszeitung, 18. 08.2012
Von Zwetschgen-Nebel und Kernen, die als Liebesbeweis dienen
Ein kleiner Kreis von Seulbergern pflegt das "Sellwicher Platt". Geplant ist sogar eine CD mit Anekdoten.
Von Olivera Gligoric-Fürer
Seulberg. Gemütliche Runde: Der "Schwätzkreis" in der Klause des Seulberger Heimatmuseums. Vorne rechts Stadtarchivarin und Heimatkundevereinsvorsitzende Dr. Erika Dittrich. Foto: ogf Der langfristige Plan: Eine CD mit Geschichten, Gedichten und Liedern im Sellwicher Platt herausgeben. Der kurz- und mittelfristige Plan: Viel Spaß beim Schwätzen und In-Erinnerungen-Schwelgen: Lokalhistorische und sprachwissenschaftliche Gründe haben elf gebürtige Seulberger dazu gebracht, sich jeden Monat in der Klause des Heimatmuseums zu treffen. Im Vordergrund steht das Reden im eigenen Idiom – ohne Rücksichtnahme auf "Eingeplackte". Denn, wegen der vielen Zugezogenen – aber auch wegen der heutigen Mobilität – sterbe dieser mitteldeutsche Dialekt langsam aus.
"Wir mussten früher in der Schule immer sauberes Hochdeutsch reden", erinnert sich Walter Schumacher. Mit "früher" meint Schumacher die Nachkriegszeit. "Und heute wird eigentlich nur noch Hochdeutsch gesprochen", findet Friedrich Wilhelm Jeckel. Was zur Folge hat, wie in einschlägiger Literatur nachzulesen ist, dass die nachfolgenden Generationen zwar oft noch ein ans Hochdeutsche angepasstes Hessisch sprechen, dieses aber um die regionalspezifischen "Ausdrick oder Sprich", wie der Sellwicher sagen würde, reduziert wurde, weil die zum Teil im Nachbardorf schon nicht mehr verstanden werden.
Das war früher kaum anders, zu jener Zeit, als man sich noch schick machte, um nach Bad Homburg zu gehen, weil das was Besonderes war, wie Helma Hohmann erzählte. Sogar in Seulberg selbst habe es sprachliche Differenzen gegeben: "In der Untergasse wurde anders gesprochen als in der Obergasse." Auf die Feinheiten kommt es an, betonen daher die Experten der Seulberger Dialektpflege. So sei die Aussprache des Burgholzhäuser Dialekts wegen der Nähe zur Wetterau "viel härter", als die Aussprache des Seulberger Dialekts, und die Köpperner Mundart ähnelt wiederum dem Seulbergerischen. "Nur ein Einheimischer kann das raushören", gab Jeckel zu und: An der Aussprache des Wortes "rein(kommen)" konnte man die Herkunft des Sprechers erkennen: Ein Eingeplackter sage "rei", ein Ureinwohner "rin". Grundsätzlich gelten für das Sellwicher Platt die gleichen Lautverschiebungen wie für das Hessische im Allgemeinen: So wird das "b" zwischen den Vokalen zu einem "ww", wie in "iewwa" (über) oder "hawwe" (haben), das "r" wird oft gerollt und manchmal wird auch eines an Stellen eingefügt an denen überhaupt keines vorkommt, wie in "Werrer" (Wetter), "Ferren" (Federn) oder "hurt" (hat). Außerdem werden Vokale lang gesprochen wie beispielsweise "Fraa" (Frau), "kaan" (kein) oder "nooch" (nach).
Hessische Nasale
Mit dem Transkribieren der Geschichten setzt sich Dr. Erika Dittrich, Stadtarchivarin und Vorsitzende des Vereins für Geschichte und Heimatkunde, auseinander: "Die vielen Laute verständlich aufzuschreiben ist ganz schön kompliziert." Vor allem die vielen hessischen Nasale lesbar auf Papier zu bringen, ohne die phonetische Lautschrift zu verwenden, sei eine Herausforderung.
Bei den regelmäßigen Treffen kommt aber weitaus mehr zutage als verschwunden geglaubte Begriffe: Es sind persönliche Kindheits- und Jugenderinnerungen und alte Bräuche. So wie Helma Hohmann sich an ein Lied erinnern konnte, das früher "zu fortgeschrittener Stunde auf Festen" gesungen und auf Instrumenten begleitet wurde, wie Walter Falkenstein ergänzte: "Deine Mutter war auch dabei", er zeigte lachend auf Ute Desch. Dann trug Rita Schächer vor, wie sie als 13-Jährige beim ersten "Kwetschennewwel (Erster Herbst-Nebel, bei dem die späten Zwetschgen geerntet wurden) uf aner Kwetscherebb" (Zwetschgen-Treffen) war. Denn es war Tradition, dass sich die Frauen im Dorf gegenseitig beim Entkernen der "Kwetsche" (Zwetschgen) geholfen haben. Dabei wurde auch kräftig getratscht. "Die Kwetschkern" (Zwetschgen-Kerne) hat übrigens ein junger Bursch abgeholt, der sie dann vor die Tür eines Mädchens geschüttet hat, um ihr zu zeigen, dass er sie mag. Über Nacht wurde dann das Mus gekocht und eine Frau hat die ganze Nacht gerührt, damit es nicht anbrennt, und am nächsten Morgen konnte es probiert werden.
Taunuszeitung, 10.08.2012
Taufkleid der Hugenotten
325 Jahre Friedrichsdorf: Ausstellung zeigt Kleider und vieles mehr
Von Religions-Flüchtlingen, Strümpfen, Färbern, Hüten, Leder und Zwieback erzählt die neue Sonderschau im Heimatmuseum – und warum Friedrichsdorf früher "Stadt der 1000 Schlote" hieß.
Von Katja Schuricht
Seulberg. So sahen Hugenottenpaare in Tracht aus. Vorsichtig und mit weißen Schutzhandschuhen an den Fingern, hebt Dr. Erika Dittrich das Taufkleid aus feiner elfenbeinfarbener Seide und Spitze hoch. "Das ist ein Unikat, das sich vermutlich in ganz Deutschland nicht mehr findet", erklärt sie fast ehrfürchtig. "Wir haben das gute Stück sogar schon nach Berlin ausgeleihen, für die Calvin-Ausstellung", sagt die Stadtarchivarin und Leiterin des Philipp-Reis-Haus. In diesem zart gewebten Etwas, zu dem es auch ein passendes Mützchen gibt, sind die Nachkommen der Hugenotten in Friedrichsdorf getauft worden. Dittrich hat das Gewand jetzt aus seiner ebenfalls prachtvollen Schachtel, auf der König David die Harfe spielend dargestellt ist, aus dem Stadtarchiv geholt und legt es in eine der Vitrinen. Im Heimatmuseum eröffnet Dittrich am kommenden Sonntag um 15 Uhr gemeinsam mit Bürgermeister Horst Burghardt (Grüne) die Ausstellung "325 Jahre Friedrichsdorf – Hugenotten eine neue Heimat".
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Fahne und Wappen
Fast alle Exponate stammen aus dem Stadtarchiv und dem Philipp-Reis-Haus: Eine handbestickte Fahne mit dem Friedrichsdorfer Wappen aus dem Jahr 1821 und die dazugehörige Urkunde aus Kalbspergament. "Die Stadtrechte hat Friedrichsdorf bereits 1771 erhalten", informiert Dittrich. Doch wie fing alles an? Rund 30 französischstämmige Familien waren es, die vor 325 Jahren nach langer Flucht im heutigen Stadtgebiet von Friedrichsdorf eintrafen, informiert Dittrich und frischt noch mal die Geschichtskenntnisse auf: "Hintergrund des hugenottischen Exodus aus Frankreich war die Aufhebung des 1598 erlassenen Toleranzedikts von Nantes durch König Ludwig XIV. am 18. Oktober 1685", erklärt sie. "Damit wollte er nach über 150 Jahren erbitterter religiöser Auseinandersetzungen endgültig den Protestantismus verbieten. Wer nicht abschwor und nicht im Gefängnis oder auf der Galeere landen wollte, verließ daraufhin trotz Verbots das Land."
Über die Schweiz gelangten die evangelisch-reformierten Glaubensflüchtlinge, die Hugenotten, nach Frankfurt und schließlich nach Homburg, wo Landgraf Friedrich II. beschloss, sie aufzunehmen. "Das war politisch klug gedacht, denn hier herrschte durch den 30-jährigen Krieg große Not, und es galt, menschenleere Gebiete zu besiedeln", schildert Dittrich, die bei der Eröffnung am Sonntag die bedeutendsten Exponate vorstellen wird. So zum Beispiel einen kleinen Jacquard-Webstuhl aus der Zeit um 1800. Die haben Strumpfwirker Muster mit einem komplizierten Lochkartensystem entworfen. Auch eine nachgebaute Färberwerkstatt ist in der Ausstellung zu sehen.
30 000 Strümpfe
"Diese Handwerkskünste haben die Hugenotten hier etabliert und zu großen Produktionsstätten ausgebaut", sagt Dittrich, "Die Socken wurden bis in die Schweiz und in die Niederlande exportiert", fügt sie hinzu. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden 30 000 Strümpfe "Made in Friedrichsdorf" hergestellt.
Da der Glaube eine bedeutende Rolle im Leben der Hugenotten spielte, zeigt die Schau auch französische Bibeln aus dem 18. Jahrhundert und liturgische Geräte als Zeichen für Glaubensstrenge und für die lange bewahrte kulturelle Eigenart. Ergänzend zur Sonderausstellung zeigt das Stadtarchiv vom 20. Oktober an im Rathaus historische Karten und Fotografien, die den Wandel der Hugenottenstraße dokumentieren. "Wo heute Geschäfte, Lokale, Wohnhäuser sowie die 1837 geweihte evangelische Kirche stehen, hatte Friedrich II. dafür gesorgt, dass sich die ersten Flüchtlinge 1687 in der "colonie française" ansiedeln konnten", erläutert die Ausstellungsmacherin.
Neben Strumpfwirkern und Hutmachern blühte später vor allem das Färberwesen: "Allein 45 Färbhäuschen standen entlang der heutigen Hugenottenstraße", weiß Dittrich. Als sich noch die Zwiebackbäckerei etablierte, nannte man Friedrichsdorf zur vorvergangenen Jahrhundertwende Stadt der 1000 Schlote. Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, hat die Museumsleiterin in der Ausstellung unterschiedlichste Zwiebackdosen zu hohen Türmen gestapelt.
Die Sonderausstellung "Hugenotten eine neue Heimat" im Heimatmuseum Seulberg ist bis zum 20. Dezember zu sehen. Geöffnet ist sie mittwochs und donnerstags von 9 bis 12 und sonntags von 14 bis 17 Uhr.
Grüne sehen Stadt in der Pflicht
Der Heimatkunde-Verein sitzt in der Patsche: Für sein Museum fehlen Personal und Geld
Ein Goldesel würde dem Seulberger Heimatmuseum sicher gut tun, aber den gibt es nur im Märchen. Jetzt wird eine Lösung gesucht.
Von Christiane Paiement-Gensrich
Sieben rotbeschopfte Zwerge scharen sich um Schneewittchen – und wer genau hinschaut, der sieht, dass sich ein weiblicher Kobold zu den kleinen Herren gesellt hat. Sulinchen, der Seulberger Museumskobold, ist nämlich in der Märchenausstellung im Heimatmuseum unterwegs. Seulberg. Unter der Hobelbank liegen Späne. Wer lieber nebenan im Frisiersalon Platz nehmen möchte, der kann die schwere, schwarze Dauerwellen-Maschine bewundern, die entfernt an eine Riesen-Schreibmaschine erinnert. "Lebendiges Museum mit alter Handwerkskunst" steht in deutscher Schreibschrift an der Tafel hinter dem Lehrerpult im Seulberger Heimatmuseum. Die Grünen-Fraktion war am Montagabend dort zu Besuch. Aus aktuellem Anlass hatte sie zur öffentlichen Fraktionssitzung eingeladen. Denn: "Das Museum ist absolut professionell geführt, aber nicht professionell finanziert", so Fraktionschef Lars Keitel.
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Wie berichtet, hatte Dr. Erika Dittrich, hauptberuflich Leiterin des wesentlich kleineren Philipp-Reis-Museums und Stadtarchivarin, im vorigen Herbst Alarm geschlagen. Das Heimatmuseum nämlich ist nicht städtisch, sondern wird ehrenamtlich vom Verein für Geschichte und Heimatkunde geführt. Und dessen Mitglieder werden immer älter und schaffen das stattliche Pensum von rund 4000 Stunden im Jahr nicht mehr. Geld bekommt der Verein nur für eine Reinemachfrau und für eine 400-Euro-Kraft, die das Zugangsbuch führt und zu den Öffnungszeiten die Besucher empfängt. Aber das reicht nicht. Wenn das Museum weiter so professionell geführt werden solle wie bisher, müsse dort eine wissenschaftliche Mitarbeiterin eingestellt werden, meint der Vereinsvorstand.
Denn: Dittrich, die sich ehrenamtlich als Vorsitzende des Vereins um das Heimatmuseum kümmert, leistet dort, wie sie berichtet, allein 1600 Stunden unbezahlte Arbeit im Jahr. "Um die aktuelle Märchenausstellung zu konzipieren, habe ich eine Woche Urlaub genommen. Und wenn Texte zu Ausstellungen, Märkten oder Führungen gebraucht werden, schreibe ich sie spätabends, das geht oft bis 23 Uhr oder Mitternacht." Da stellte Magistratsmitglied Dr. Sylvia Sacco fest: "Dieser Zeitaufwand entspricht einer vollen Stelle."
1000 Kinder nehmen teil
Warum im Museum so viel zu tun ist? "Die meisten Besucher kennen das Heimatmuseum nur von den Märkten." Zu Ostern und zu Nikolaus kommen regelmäßig zwischen 2000 und 2500 Besucher. Der herbstliche Aulofenmarkt fällt diesmal aus, mangels Helfern. Außer der Dauerausstellung gibt es zudem jährlich drei bis vier Sonderausstellungen, die von einem Rahmenprogramm mit Sonderführungen für Erwachsene und mit Kinderveranstaltungen (an denen 2011 rund 1000 Mädchen und Jungen teilnahmen) begleitet werden. "Der Vorlauf für eine Sonder-Ausstellung beträgt manchmal zwei Jahre. Für die Edouard-Désor-Ausstellung zum Beispiel habe ich Exponate aus der Schweiz besorgt", berichtet Dittrich.
Hinzu kommen Führungen für Schulklassen und Kindergartengruppen. Zum museumspädagogischen Konzept gehört Museumskobold-Mädchen Sulinchen. Die lustige Puppe mit dem roten Haarschopf ist bei den Kinderveranstaltungen dabei. Zudem gibt es im Museum 16 Sulinchen-Hörspiel-Stationen. Und wer möchte, kann im Museum mit Sulinchen Kindergeburtstag feiern. Die Nachfrage ist groß. "Wir hätten voriges Jahr sogar für Heiligabend, den Ersten Weihnachtsfeiertag und den 31. Dezember Interessenten gehabt", sagt Vereinsmitglied Hans Jürgen Hansen.
Außerdem im Programm: Führungen durch Seulberg, die älteste und einst reichste Siedlung im Kreis, und der "Schwätzkreis" zur Bewahrung der Seulberger Mundart. Insgesamt waren es 2011 65 Sondertermine.
Viel Zeit kostet auch die Registrierung von neuen Ausstellungsstücken, die das Museum immer wieder von Bürgern gebracht bekommt. "8000 Objekte sind hier ausgestellt." Hinzu kommen noch die zahlreichen Schätze im Depot. "Eine Schnell-Inventarisierung per Computer braucht eine Stunde." Denn jedes Objekt müsse fotografiert und beschrieben werden. "Wichtig ist auch die Geschichte zu jedem Stück, erst damit wird ein Exponat für das Museum interessant." 65 000 Euro würde eine Vollzeit-Stelle pro Jahr kosten. 50 000 Euro wären für eine Sachbearbeiter-Stelle nötig. Die Koalition (CDU, FWG und FDP) hat aber bei der Verabschiedung des Haushalts im Dezember nur einer Zuschuss-Erhöhung um 10 000 Euro – für zwei 400-Euro-Kräfte, wie es hieß – zugestimmt. Doch nicht einmal die bekommt das Museum. Bei der Genehmigung des Haushalts hat der Landrat die Zuschuss-Erhöhung komplett gestrichen. Jetzt steht der Verein da, mit viel Arbeit und kaum Hilfe.
Kulturgut geschaffen
"Es gibt natürlich auch viele andere Vereine, die unterstützenswerte Arbeit leisten. Aber die Pflege der Heimatkunde muss eine staatlich-kommunale Aufgabe sein", fand Keitel. Und: "Das Museum ist eine Bildungseinrichtung." Sacco ergänzte: "Sie haben ein Kulturgut geschaffen, das noch nicht angemessen gewürdigt worden ist." Christa Tröger, frühere CDU-Stadtverordnete und Mitglied im Heimatkunde-Verein, stellte die Frage, ob man nicht Geld aus dem städtischen Kulturetat oder aus der Kulturstiftung "auf das Museum umschichten" könne. Und sie betonte: "Wenn der Verein das Museum nicht betreiben würde, müsste das die Stadt tun."
Eins ist klar: Die Grünen wollen an der Sache dran bleiben und die Vereinsmitglieder natürlich auch. Jetzt wird aber erstmal Geburtstag gefeiert: Am Sonntag, 17. Juni, von 11 bis 18 Uhr wird das 40-jährige Bestehen des Museums begangen. Außer Reden und einem bunten Kinderprogramm gibt es dann auch Musik aus den 1970er Jahren.
Artikel vom 22. Mai 2012
Prinzessin bei Hänsel und Gretel
Geldnot trübt die Stimmung im Heimatmuseum – trotz charmanter Gäste bei der Ausstellungseröffnung
Über 200 Besucher haben am Sonntag die Eröffnung der neuen Ausstellung im Heimatmuseum miterlebt. Lebendige Märchenfiguren spielten Szenen aus Aschenputtel. Aber ob es dort weiterhin Ausstellungen geben wird, steht in den Sternen.
Von Christiane Paiement-Gensrich
Seulberg.
Märchenhafte Ausstellungseröffnung im Seulberger Heimatmuseum: 201 Besucher waren gekommen, berichtet die Vorsitzende des Vereins für Geschichte und Heimatkunde Dr. Erika Dittrich. Eine kleine Prinzessin besuchte Hänsel und Gretel und dachte darüber nach, wie man die beiden Kinder befreien könnte.
Als "Gestiefelter Kater" saß Ulrike Brossog am Empfang. Und dann war da ein schmucker Prinz, der seine Tanzpartnerin suchte. Er hatte einen Schuh von ihr dabei. Den probierten viele Besucherinnen an, in der Hoffnung, er passt. Der Königssohn Tobias Imhof kam, wie weitere Märchenfiguren-Darsteller, von der Burgspielschar. Sie spielten Szenen aus Aschenputtel.
Und Karin Halfmann führte vor, wie man mit der Spindel umgeht, mit der sich Dornröschen in den Finger gestochen hat, bevor es in einen 100 Jahre dauernden Schlaf fiel. Die Vereinsmitglieder hoffen jetzt, dass die Kultureinrichtung mit ihren beliebten Wechselausstellungen und Märkten nicht auch in einen 100-jährigen Schlaf fällt. Denn als jetzt die Nachricht kam, dass die Stadt die ohnehin knapp bemessene Zuschuss-Erhöhung von 10 000 Euro nicht auszahlen darf, waren sie sehr enttäuscht. Die Auflage kam vom Landratsamt, das anderenfalls den städtischen Haushalt 2012 nicht genehmigt hätte. Denn die Finanzen sind klamm.
Andererseits steigt das Durchschnittsalter (derzeit 65 Jahre) der Ehrenamtlichen, die das stattliche Museum führen. Sie brauchen dringend Unterstützung und wünschen sich eine Vollzeitstelle. Denn die Arbeit, zu der nicht nur die Organisation von Märkten gehört, sondern auch die Museumsarbeit und die Wechselausstellungen, ist zu viel geworden. Das Pensum von rund 4000 Stunden pro Jahr schaffen sie nicht mehr, so Dittrich.
Mitglieder sind geknickt
Aber jetzt kann nicht einmal um die dringend benötigten beiden 400-Euro-Kräfte ausgeweitet werden. Derzeit ist im Heimatmuseum nur eine 400-Euro-Kraft beschäftigt: Brigitte Wenzel (63) betreut das Museum zu den Öffnungszeiten, nimmt Objekte für Ausstellungen an und führt das Zugangsbuch. Sie nimmt Anrufe entgegen und hilft bei den Kindergeburtstagen mit, die im Museum gefeiert werden. Und Hedi Hasenklever (64) wird dafür bezahlt, dass sie das Museum reinhält. Auch sie hilft bei Kindergeburtstagen und bei den Märkten mit.
Jetzt bereiten die geknickten Vereinsmitglieder aber trotz allem erst einmal die 40-Jahr-Feier des Museums vor. 10 000 Besucher kommen im Schnitt jedes Jahr in das frühere Schul- und Rathaus aus dem 18. Jahrhundert. Außer der Dauerausstellung alter Handwerkskünste gibt es jährlich drei bis vier Sonderausstellungen mit Rahmenprogramm für Erwachsene und Kinder. Hinzu kommen Führungen durch Seulberg und der "Schwätzkreis" zur Bewahrung der Seulberger Mundart. Insgesamt 65 Sondertermine kamen voriges Jahr zusammen.
Das Programm des Heimatmuseums liegt im Museum selbst, Alt Seulberg 64, und im Friedrichsdorfer Rathaus in der Hugenottenstraße aus. Im Internet steht es unter http://www.heimatmuseum-seulberg.de, die Öffnungszeiten sind mittwochs und donnerstags von 9 bis 12 Uhr sowie sonntags von 14 bis 17 Uhr. In den Ferien bleibt das Museum geschlossen.
24. April 2012
Rotkäppchen im Museum
Neue Ausstellung: Fantasievoll illustrierte Märchenbücher sind in Seulberg zu bewundern
Vor 200 Jahren erschienen zum ersten Mal die "Kinder- und Hausmärchen" der Gebrüder Grimm. Grund genug, die Ausstellung "Es waren einmal zwei Brüder" zu zeigen, die am Sonntag im Heimatmuseum eröffnet wird.
Von Katja Schuricht
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Tierisch geht es in der neuen „chicken“ Sonderausstellung des Seulberger Heimatmuseums zu. Mit „Hahn und Huhn“ widmet sie sich einem der ältesten Haustiere, wobei neben der kulturgeschichtlichen Bedeutung auch der philosophischen Frage schlechthin nachgegangen wird: Was war zuerst, Henne oder Ei? Die Antwort fällt überraschend aus, wie auch sonst einige ungewohnte Sichtweisen auf das scheinbar so vertraute und fälschlich als „dumm“ angesehene Geflügel zu erwarten sind. Stolz präsentiert sich hier nicht nur der Gockel.
„Bodenhaltung“ steht nun als Herkunft auf jeder Eierpackung, als würde dies etwas über die Qualität der Mastbetriebe aussagen. In riesigen, fast lichtlosen Hallen sind Hunderttausende Hühner zusammengepfercht. Bis zu 400000 Tiere werden in modernen Betrieben geschlachtet – täglich. Ungeachtet dieser industriellen Dimension und immer neuer Skandale über medikamentös verseuchtes Fleisch ist die Nachfrage größer denn je: Knapp 20 Kilo Geflügel und 220 Eier verzehrt jeder Deutsche pro Jahr. Am meisten natürlich in der Osterzeit, gilt doch das Ei als Sinnbild für neues Leben, was das Einfärben und Verzieren noch hervorhebt. Dennoch kennen viele das Hühnchen nur noch in seiner entstellten Form, wie den „chickennuggets“ oder als Tütensuppe.
Kern der Schau bildet eine im Ostereimuseum Sonnenbühl aufgegangene Privatsammlung, ergänzt um kostbare Arbeiten aus der Sammlung der Friedrichsdorferin Elfriede Gaa. Hinzu kommen einige institutionelle Leihgeber wie die Gießener Geflügelklinik oder das Frankfurter Senckenberg Institut. Und natürlich unterstützen die Schau die örtlichen Kleintierzuchtvereine.
Sonderausstellung „Hahn und Huhn“ im Heimatmuseum Seulberg, geöffnet vom 29. Januar bis 29. März 2012, mittwochs und donnerstags 9 bis 12, sonntags 14 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei! Nach Voranmeldung werden auch gerne Gruppen durch die Ausstellung geführt.
Weitere Informationen erteilt Dr. Erika Dittrich unter der Telefonnummer 06007 / 91 86 28 oder per Email erika.dittrich@friedrichsdorf.de. Einzelheiten im Internet unter www.heimatmuseum-seulberg.de; Fotos der Ausstellung sind bei flickr zu sehen. |
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Mit dem Weidenkörbchen durch den Wald: Rotkäppchen spricht mit dem Wolf.
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Die liebreizende junge Prinzessin Sara Garbe kam zur Eröffnung der Märchenausstellung ins Heimatmuseum.
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Bürgermeister Horst Burghardt (links) und Stadtverordnetenvorsteher Karl Günther Petry (rechts) mit den Ehrenmedaillen-Trägern Ute Desch und Wolfgang Eilbacher. Fotos: cg (2)


